4. Gotisches Haus

Erbaut im 13. Jh.

Doppelhaus mit dem Vikarie-
haus "St.Johannes Evangelist und St.
Catharina". Freilegung und
Restaurierung 2007-2009.


Das Haus wurde 2007-2009 aufwendig restauriert. Es ist Teil eines Doppelhauses mit gotischen Treppengiebeln. Die andere Hälfte wird "Zweierkerhaus" genannt. Wann es zur Teilung und getrennter Nutzung der beiden Haushälften kam, ist nicht bekannt. Im 18. Jh. wurde das Haus von der Familie eines Glöckners des Stiftes bewohnt. Es war 1802 nicht Teil des säkularisierten Stiftsgutes und blieb in Privatbesitz.


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Wir stehen vor dem linken Flügel eines Doppelhauses, dem "Gotischen Haus".

Gotisches Haus
 Gotisches Haus


Der rechte Flügel ist wegen des Anbaus als "Zweierkerhaus" bekannt.

Zweierkerhaus
Zweierkerhaus


Eingehende Untersuchungen des Baubestandes weisen als Bauzeit in das 13. Jh. Der Anbau des "Gotischen Hauses" zur Stiftstraße hin erfolgte im 18. Jh.

zeichnerische Rekonstruktion des Doppelhauses von Klaus Groß
Doppelhaus, Rekonstruktion ohne Anbauten  


Wann es zur Teilung des Doppelhauses kam, ist nicht bekannt. In dem Gotischen Haus, vor dem wir stehen, ist, nach einem Wappenfund, für das Jahr 1600 der Kellner Georg Broy als Bewohner anzunehmen. Nach 1694 bewohnte die Familie des Stiftsglöckners Johann Pulcher diesen Teil des Hauses.
Der Stiftsglöckner Pulcher gehörte zu dem zahlreichen Hilfspersonal des Stiftes für Gottesdienste und Verwaltung. Es gab 28 verschiedene Dienststellungen.

Voraussetzung für den Dienst als Glöckner, es gab jeweils zwei, war eheliche Geburt, das Bürgerrecht und bewährte Glaubenstreue. Die Bezahlung erfolgte in Naturalien, seit 1694 auch in Geld. In den Statuten des 16.-18. Jh. finden sich u.a. folgende Hinweise auf die Tätigkeit der Glöckner. Sie sollten den Dienst persönlich ausüben und sich nicht durch unzuverlässige Jungen und Mädchen vertreten lassen. Im Glockenturm war ihnen ein Schlafplatz zugewiesen. Während des Gottesdienstes mussten sie für Ruhe in der Kirche sorgen. Ein besonderes Augenmerk hatten sie auf die Schüler zu richten, die häufig durch Geschwätz die Andacht der Priester und Gläubigen störten. Auch für die Sauberkeit in der Kirche mussten sie Sorge tragen. Dazu gehörte es den Hundedreck aus der Kirche zu entfernen. Sie hatten Aufgaben bei der Vorbereitung und Begleitung des Gottesdienstes. So mussten sie die Altäre für die Messe schmücken und dem Priester beim Austeilen der Kommunion dienen.

Die wiederholten Klagen des Kapitels über Pflichtversäumnisse machen deutlich, dass die Glöckner recht schwierige Bedienstete waren. Offensichtlich hatten sie auch schon Erfahrungen im Arbeitskampf. Als sie 1715 nach dem Tode des Erzbischofs Johann Hugo von Orsbeck sechs Wochen lang jeden Morgen und Mittag eine Stunde lang läuten sollten, weigerten sie sich. Sie bekamen Recht. Als daraufhin die Bürger zum Läuten verpflichtet werden sollten, blieb der Tod des Erzbischofs ohne Glockenbegleitung.

Glossar

Kellner

Er war für die Verwaltung der Geld- und Naturalabgaben an den Landesherrn zuständig. 

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Johann Hugo von Orsbeck

In seiner Regierungszeit (1676-1711) hatte Münstermaifeld wie das ganze Erzbistum nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges schon wieder unter drei Kriegen in Folge zu leiden. Dies waren bis 1678 die Endphase des Französisch-Holländischen Krieges, den der französische König Ludwig XIV. gegen die Niederlande führte, der Pfälzische Erbfolgekrieg von 1688 bis 1697, der als einer der schlimmsten Kriege der Zeit gilt, sowie der Spanische Erbfolgekrieg, der von 1701 bis 1714 dauerte. In diesen Kriegen wurde die Bürgerschaft von  Truppendurchzug, Einquartierung und Kontributionen schwer geschädigt. Die Stadt verlor durch die Brandschatzungen von 1689 und 1691 fast den gesamten alten Baubestand. 

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